Warum der neue Roman von Alexander Dawian „nicht affirmativ“ ist

Rittergeschichten, lauter Rittergeschichten, rechts die Rittergeschichten mit Gespenstern, links ohne Gespenster, nach Belieben.

Heinrich von Kleist an Wilhelmine Zenge, Würzburg, 14. September 1800

Eine Burg wie aus einem Roman, mit einem weißen Wolf und einem Greifvogel im verwitterten Waldstück davor

Zur Zeit Heinrich von Kleists würde ein Roman über Ritter wohl an eine, solchen Schauplatz spielen. Bild © bildaspelt.de / pixelio.de

Mit dieser Beschreibung spottet Heinrich von Kleist über eine Bibliothek in Würzburg, die er besuchte, und in der er Werke von Goethe, Schiller oder Wieland vergeblich gesucht hatte. Doch worüber genau spottete Kleist?

Sind Romane, die einem Schema folgen und einem Genre angehören, automatisch trivial?

Was er vorgefunden hatte, war eine große Anzahl von Büchern, die der sogenannten Schemaliteratur zugerechnet werden. Hierzu zählen Bücher, die einem groben Schema folgen, und zwar nicht nur hinsichtlich der Struktur des Plots, sondern auch der Einzelheiten des Inhalts.

Doch verträgt dies Spott? Jedes gute Werk folgt Schemata – dies beginnt ganz trivial damit, dass sich das Buchcover auf dem Deckel des Buches befindet. Romane folgen nahezu zwingend einer Drei– oder Fünfaktstruktur oder der sogenannten „Heldenreise„. Ebenso, wie sowohl eine Symphonie als auch ein Rock-Song einen Aufbau aufweisen, muss dies nahezu zwingend auch für Literatur gelten, die nicht völlig experimentell ist.

Unter dem Begriff der „Schemaliteratur“ wird allerdings zumeist etwas anderes verstanden: Die Werke müssen bestimmten „Genreregeln“ folgen. In der gewöhnlichen Fantasy-Literatur tauchen etwa bestimmte Arten von Wesen mit immer gleichen Charakterzügen auf. Elben sind normalerweise schön und gut; die Figur eines bösen und hässlichen Elben-Stammes würde die die Leser abschrecken. In einem guten Thriller geht es immer gleich ums Ganze, also um so etwas wie den drohenden Weltuntergang, und es muss eine hohe Dichte an Action geboten werden. Und so weiter. Werke, die sich wegen der Erfüllung solcher genauen Regeln klar einem Genre zuordnen lassen, werden dann auch als „Genreliteratur“ bezeichnet.

Ist aber die Zugehörigkeit zu einem Genre für sich genommen Spott wert? Sicherlich ist es das nicht. Denn allein der Umstand, dass ein Werk einem Genre eindeutig zurechenbar ist, bedeutet nicht umgekehrt, dass es anspruchslos und völlig regelkonform aufgebaut ist. Die berühmte Kurzgeschichte „A Point of Paw“ von Isaac Asimov wird dem Genre „Science Fiction“ zugerechnet – im Kern hat es der geniale amerikanische Schriftsteller aber geschafft, eine spannende Story über etwas so vermeintlich Trockenes wie Verjährungsvorschriften zu verfassen.

Eine kurze Erzählung der Geschichte ist die Sache wert: Ein Krimineller namens Stein hat 100 000 $ gestohlen, sich mit einer ohne erforderliche Genehmigung verwendeten Zeitmaschine in die Zukunft abgesetzt und hat dort für die Dauer der gesetzlichen Verjährung gelebt. Anschließend reiste er an einen Zeitpunkt in der Vergangenheit zurück, der allerdings nach dem Ablaufdatum der Verjährungsfrist lag. Die Geschichte schildert eine spannende Diskussion zwischen Anklage und Verteidigung über den Sinn von Verjährungsvorschriften, bis der Richter sein Urteil mit einem Wortspiel fällt.

Wieso boten die Romane über Ritter, wie sie Heinrich von Kleist vielfach in der Bibliothek vorgefunden hatte, nun also Grund zu seiner Beschwerde? Es lag nicht am Genre – sehr gute Schriftsteller könnten vielleicht literarisch brillante Ritterromane verfassen. Es lag auch nicht daran, dass sie jeweils einem Schema folgten.

Was macht einen Roman „affirmativ“?

Die Romane sind vielmehr „affirmativ“. Sie fordern den Leser nicht zum Denken heraus, sondern zielen auf einen Effekt ab: Unterhaltung ohne Anstrengung. Affirmative Literatur ist Zweckliteratur und soll in seiner kommunikativen Wirkung nicht darüber hinausgehen, bei der Leserin oder dem Leser zumeist eines Romans ein gewünschtes Gefühl hervorzurufen. Vor allem soll sie dabei aber die Konsumenten in ihrem Weltbild belassen oder sogar bestätigen, um nicht anzustrengen. Sie orientiert sich daher an den Auffassungen und Wertvorstellungen der Mehrheit.

Wesentliches Merkmal der Trivialliteratur ist – anders als die eher auf kritische Reflexion gängiger Vorstellungen und etablierter Denkweisenden setzende Hochliteratur – den Erwartungshorizont des Lesers nicht zu durchbrechen, was einer Bestätigung (Affirmation) seiner bestehenden Meinungen, Gesellschaftsbilder usw. gleichkommt. […] Trivialliteratur erfüllt Erwartungshaltungen der Leserschaft.

Wikipedia: „Trivialliteratur„; 28.10.2022

Der Begriff „Trivialliteratur“ ist durchaus kritisch zu sehen, weshalb das Beschriebene besser „affirmative Literatur“ genannt werden sollte. Und davon gibt es viel.

Ist (nur) affirmative Literatur ein Umsatzbringer?

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat herausgefunden, dass „Leichtlesen“ neben „Eintauchen“ eines der stärksten Motive für Käuferinnen und Käufer ist, einen Roman zu erwerben und zu lesen. Dies spricht scheinbar für den Wunsch der Kundschaft nach affirmativer Literatur. Sehr informativ ist das folgende Video:

Informatives Video, was die Motive sind, einen Roman oder andere Bücher zu kaufen

Doch bedeutet der Wunsch nach „Leichtlesen“ und „Eintauchen“ automatisch, dass nur affirmative Literatur sich absetzen würde?

Ich meine: „Nein“. Gute Literatur kann auch leicht zu lesen sein und kann zugleich herausfordern. Denken Sie an Klassiker wie Bertolt Brecht. Auch Heinrich Böll schrieb unterhaltsam, spannend, leicht lesbar und dennoch durchaus sehr kritisch. Und die Klassikerin der Kinderbuchautoren, Astrid Lindgren, baute in ihre „Madita“-Romane gleich auf mehreren Ebenen Provokantes ein. Sowohl die Kinder, ihre Zielgruppe, als auch Erwachsene fanden in den Geschichten vertiefte Auseinandersetzungen über soziale Probleme und gesellschaftliche Unwuchten in der schwedischen Dorfidylle vor. Fazit: Erfolg und „Leichtlesen“ müssen nicht affirmativ sein.

Auch der neue Roman von Alexander Dawian wird nicht affirmativ sein

In diesem Sinne wird der neue Roman von Alexander Dawian nicht affirmativ sein. Er wird nicht die Aufgabe übernehmen, ein Weltbild zu bestätigen, das – angeblich – eine Mehrheit der Leute hat. Die Protagonistin, Anja, muss in der Story Probleme ihrer Ehe und im Job lösen. Zwar wird es so etwas wie ein „Happy End“ geben – aber nicht mit einem Märchenprinzen.

Der Roman befindet sich gerade in der Testlese-Phase. Eine Testleserin war empört, dass sie die Story nicht ihre Auffassungen zu Beziehungen, Sexualität und Geschlechterrollen bestätigt. Sie finde sich in der Geschichte nicht wieder. Sicherlich wird im sogenannten Klappentext (das ist der Text, der auf dem Cover das Buch beschreibt) deutlich zum Ausdruck gebracht werden müssen, dass der Roman viele landläufig erwartete Denkmuster nicht bestätigen, sondern offen in Frage stellen wird – wobei die Ansichten der Leserinnen und Leser nicht durch die Ansichten des Autors gleichsam ersetzt werden.

Zugleich wird der Roman spannend sein und in hoher Dichte unterhalten. Es soll schließlich Freude machen, ihn zu lesen.

Mehr verrate ich hier aber nicht – aber vielleicht sind Sie nun bereits neugierig. Freuen Sie sich gern auf das Erscheinen des Werkes, und abonnieren Sie den Newsletter, damit Sie stets zu dem neuen Roman auf dem Laufenden bleiben.

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